Christian Hauser
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Die Entscheidung

(cc) gsdali on flickr.com
Als Kaufmann öffentlicher Verkehr bei login hat man verschiedene Möglichkeiten, was die Schwerpunktausbildung anbelangt.
Ob auf dem Zug, bei der Zugverkehrsleitung, im Luftverkehr, in der Administration oder bei der Lokführervorschulung - bei login ist vieles möglich.
Während meiner Schnupperlehre bei login hatte ich einen Tag lang Einblick in die Welt eines Zugverkehrsleiters. Dieser Einblick gefiel mir sehr, doch schnell merkte ich, dass dies nicht die Art von Arbeit war, welche ich mir vorstellte. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch (notfalls auch mit Händen & Füssen) und kann mir nicht richtig vorstellen, den ganzen Tag nur im Büro zu sitzen und immer ähnliche Aufgaben zu machen.
Aber als Reisezugbegleiter kontrolliert man doch auch nur Billette?
Falsch. Man kontrolliert AUCH Billette, aber nicht nur. Denn die Aufgaben eines Reisezugbegleiters sind nicht zu unterschätzen!
Diese Erfahrung konnte ich sammeln, als ich am Sonntag einen Teil der Schicht von Andreas Hobi mitfuhr. Andreas Hobi ist ein bekannter öV-Blogger und hat seine Lehre auch bei login gemacht und arbeitet jetzt bei den SBB. Da ich im Moment sowieso am "Bahnlinien der Schweiz" auswendig lernen bin und mir deshalb vorgenommen habe, jede der zu Lernenden Strecken einmal gefahren zu haben, habe ich mich entschlossen, dieses Wochenende einmal die Linie 900 zu fahren. Via Twitter fragte ich deshalb Andreas Hobi, mit welchem ich schon längere Zeit Kontakt habe, ihn aber noch nie persönlich getroffen habe, ob er am Wochenende arbeiten würde. Er antwortete mir, dass er am Samstag frei habe und am Sonntag arbeiten würde.
Mehr aus Spass schrieb ich ihm: "könnte dich ja am sonntag besuchen und dann voll profimässig mit uniform begleiten :-)", worauf er mir antwortete: "mach das ;-)".
Nach einer kurzen Überlegung fand ich dann, dass dies ja im Grunde gar keine schlechte Idee sei. Schliesslich wollte ich sowieso einmal jemanden fragen, ob man noch eine zweite Schnupperlehre machen könne, bevor man sich für einen Schwerpunkt entscheiden würde. Und so würde dieser Schritt mit einem Mal wegfallen...
Nach ein paar weiteren Mails waren die Details geklärt: Ich würde Andreas Hobi am Sonntag auf dem Teil Chur-Zürich HB-Bern seiner Tour begleiten, in Uniform selbstverständlich.
So oft habe ich wohl noch nie "Merci!" nacheinander gesagt
Und so fuhr ich am Sonntag ins schöne Bünderland (die Bündner übertreiben wirklich nicht!) und traf dort am Bahnhof auf Andreas Hobi, mit welchem ich dann ins Depot ging und er mir unter anderem auch das ZPG (Zugspersonalgerät) erklärte. Gegen 16 Uhr gingen wir dann zu viert zum Gleis 9 und prüften die Bremsen des Zuges, da in Chur noch weitere Wagen ("Module") angehängt wurden. Nachdem dies erledigt war, mussten wir die gesamte Kontrolle noch einmal durchführen, da die Bremsen durch mysteriöse Umstände nicht durch den Lokführer betätigt wurden. Wir schafften es dennoch, dass der Zug noch pünktlich abfuhr.
Bis Sargans kontrollierten wir die Billette im hinteren, angehängten Teil des Zugs - im Modul. Es hatte nicht so viele Leute, so dass mir Andreas dies und das zeigen konnte. Unter anderem auch Dinge, welche ich bei einer Kontrolle beachten müsse. Zum Beispiel, dass zu einem Übergangs-GA/-Halbtax immer ein amtlicher Ausweis gezeigt werden müsse und man die Passagiere gegebenfalls auffordern müsse, diesen auch noch vorzuweisen.
In Sargans stiegen wir dann in den vorderen Zugsteil um und begannen dort mit der Kontrolle. Es hatte ab Sargans enorm viele Leute und nach dem zweiten Wagen forderte mich Andreas auf, mit der Billettzange in der Hand, voranzugehen.
Das "Grüessech!" bin ich ja bereits von meiner Arbeit an der JS Langnau gewohnt, den Rest improvisierte ich weitgehend. Wo ich zum Glück schon etwas Vorahnung hatte, war bei der Entwertung. Diese hatten wir schon im Modul "CH Allgemein" behandelt, so dass ich zum Beispiel wusste, dass ein Retourbillett auf der Hinfahrt links und auf der Rückfahrt rechts gestempelt werden muss.
Aber auch die Geografiekenntnisse sind enorm gefordert: Ich musste bei jedem Billett darauf achten, ob es jetzt "Retour" oder "Einfach" war und ob der Passagier weiter als bis Zürich HB fahren würde oder ob ich in diesem Fall gleich die Schlussstempelung vornehmen könnte.
Die Fahrt nach Zürich HB verlief eigentlich ohne Zwischenfälle - langweilig wurde es mir trotzdem nicht!
In Zürich HB durfte ich dann mit Andreas mit ins Depot - wo wir eine halbstündige Pause einlegen konnten. Dort konnte ich Andreas noch ein paar Fragen stellen, bevor wir wieder aufs Perron gehen mussten. Die Zugchefin stieg aus dem Zug aus und berichtete, dass sie im Depot bemerkt hätte, dass ihr ZPG nicht funktionieren würde und sie deshalb ein Ersatz-ZPG genommen hätte. Dieses hätte aber noch ein Update benötigt, was aber kurz vor Abfahrt nicht mehr möglich gewesen sei. Und ohne Update funktioniert ein ZPG nicht.
So hatten wir in diesem Zug nur ein ZPG (jenes von Andreas), welches funktionierte. Die Kontrolle konnte die Zugchefin trotzdem noch vornehmen, sie wartete einfach jeweils oberhalb der Treppe (wir kontrollierten die unteren Abteile) und gab Andreas Anweisungen, welcher Kunde noch welches Billett oder welche Anschlussauskunft benötige. Ich hatte in einem grossen Teil des Zuges wieder die Zange in der Hand und konnte jeweils die "gewöhnlichen" Billette und Abonnements kontrollieren, während Andreas mit dem ZPG die iPhone-, Mobile- und Onlinetickets kontrollierte. Trotz dieser Einschränkungen und gut gefüllten Zug konnten wir die Kontrolle im Zug noch lange vor Bern beenden, ein "Form 7000" (Reisen ohne gültigen Fahrausweis) gab es nur einmal zu vermelden.
In Bern verabschiedete ich mich dann und ging (immer noch in voller Uniform) auf meinen Anschlusszug (ICE) nach Thun, wo ich merkte, was es bedeutet, bei den SBB zu arbeiten: Der Reisezugbegleiter kam zum Abteil und frage gleich, ob ich in Bern am Schalter arbeiten würde, worauf ich ihm erklärte, dass ich heute nur als Schnupperstift unterwegs gewesen sei und normalerweise in Langnau arbeiten würde. Er fragte mich auch, ob es mir denn gefallen habe und ich mich jetzt entschieden hätte. Ich sagte ihm nur: "Es war toll. Die Entscheidung ist gefallen.", worauf er sagte: "Solche Leute brauchen wir!". Ein zusätzlicher Aufsteller zum ganzen Tag.
Übrigens: Bist du in Uniform, bist du im Dienst. - auch vor meiner privaten Fahrt nach Thun erkundigten sich einige Personen, ob den die "SWISS HALF-FARE CARD" gelten würde oder wo der nächste Zug nach Genf fahren würde.


