Wie man es macht...
... macht man es verkehrt. Genau so ging es mir vor kurzem bei der Arbeit.
Montag, 04.45 Uhr: Der erste Zug trifft in Ramsei ein. Es ist der Leerzug aus dem Depot Oberburg, welcher leer nach Huttwil fährt und ab dort als S6 verkehrt. Ich stelle dem Zug die Einfahrt, nachdem der Lokführer den Führerstand gewechselt und der Betriebsmitarbeiter die Weiche in Richtung Grünenmatt gestellt hat, geht es weiter.
Nur wenige Minuten später trifft der zweite Leerzug ein. Es ist ein Pendelzug aus Burgdorf, welcher bis Sumiswald-Grünen ebenfalls leer fährt und dann als S44 wieder zurück nach Ramsei kommt.
Auch diesen Zug schicke ich nach in Richtung Grünenmatt, bis jetzt läuft alles nach Fahrplan.
Um 05.22 Uhr läutet das Stellwerk und auf dem Stellwerk blinkt "Signal bedienen".
Ich stelle der S44 die Einfahrt und gehe ins Büro hinein um die Zugnummer 16514 einzugeben.
Mein Berufsbildner macht mich auf etwas aufmerksam: "Hast du bemerkt, dass 16509 immer noch in Burgdorf steht? Der sollte jetzt in Lützelflüh stehen!" - Ich frische das Bild des Zugnummern-Monitores auf und 16509 steht immer noch in Burgdorf.
Ich erkundige mich beim DOLS (Dispositiv operative Leitstelle Spiez) nach der aktuellen Situation. Der Dispatcher in Spiez: "Wir suchen gerade noch einen Lokführer für 16509, schick 16514 einfach ganz normal. Wir schauen dann weiter, was passiert."
Vom Fernsteuerzentrum Hasle-Rüegsau bekam ich wenig später ebenfalls einen Anruf: "Der Lokführer von 16509 hat anscheinend verschlafen, der Reserve-Lokführer ist unterwegs, aber das kann noch 5-10 Minuten dauern. Ich melde mich später noch bei dir. Schick 16514 einfach wie gewohnt."
Dies meldete ich so dem Berufsbildner und dem Betriebsmitarbeiter weiter, um 05.29 Uhr fuhr 16514 planmässig in Richtung Lützelflüh-Goldbach ab.
Als diese S44 dann zwischen Hasle-Rüegsau und Oberburg war, begann auch 16509 sich zu bewegen. Die Gesamtverspätung betrug maximal 16 Minuten. Sobald der Zug in Ramsei eintraf, war auch die Weiche schon gestellt und der Zug hätte eigentlich abfahren können. Aber eben nur eigentlich. Denn der Lokführer war anscheinend auch noch nicht ganz wach und lief etwas unmotiviert scheinend dem Fahrzeug entlang zum anderen Führerstand. Sobald ich das Bremsgeräusch gehört hatte, stellte ich die Fahrstrasse und das Signal sprang nach 20 Sekunden auf den Fahrbegriff 1 (was Freie Fahrt bedeutet). 20 Sekunden dauert es, bis die zwei ersten Holme des Bahnübergangs Staatsstrasse geschlossen sind und die Strasse vorschriftsgemäss gesichert ist. Der Bus nach Langnau war natürlich ebenfalls weg und es gab eine lautstarke Reklamation, was denn die SBB für ein Saftladen sei. Wenn der wüsste, dass diese gesamte Linie durch die BLS betrieben wird ;-) ...
Um 05.46 Uhr statt um 05.33 Uhr setzte sich auch 16509 endlich in Bewegung.
Ich rief dem DOLS erneut an und sagte ihm, dass der Zug soeben ausgefahren sei. "Mit einer solchen Verspätung können wir den Anschluss an die S4 nicht mehr machen. Lass die S4 einfach fahren, die Fahrgäste müssen die S44 um 06.29 Uhr benützen.", sagte der Dispatcher.
Und so kam es dann, dass die S4 von Langnau nach Bern-Thun pünktlich um 05.52 Uhr einfuhr und Ramsei um 05.53 Uhr wieder verliess. Die "Shuttle-S-Bahn" traf um 06.00 Uhr statt 05.50 Uhr ein. Der Berufsbildner ermahnte mich: "Mach ja keine Durchsage, sonst gibt es Reklamationen wegen der Ruhestörung. Es ist ja noch nicht 6 Uhr." - Keine Durchsage. Dabei hätte ich doch so gerne einmal einen Anschlussbruch durchgegeben. Wer mich kennt, weiss, dass ich ein absoluter Durchsagen-Junkie bin.
«Information zur S4 nach Thun. Die S4 nach Burgdorf-Bern-Thun konnte den Anschluss leider nicht abwarten. Reisende nach Burgdorf-Bern-Belp-Thun benützen bitte die S44 nach Bern-Thun, Abfahrt um 06 Uhr 29 ab Gleis 3.» - Aber eben, ich darf ja nicht.
Als die ersten Fahrgäste aus der Doppeltraktion ausgestiegen waren, informierte ich diese persönlich über den Anschlussbruch. Die Fahrgäste hatten zum Teil kein Problem mit dem Anschlussbruch, teilweise ärgerten diese sich ein wenig, aber es gab keine grösseren Reklamationen.
Die S-Bahn fuhr dann auch ohne Probleme wieder nach Sumiswald und kam pünktlich als S44 wieder nach Ramsei.
Einige Tage später...
... erhielten wir ein Mail des Kundenechos - der zentralen Beschwerdestelle der BLS. Eine Kundin beschwerte sich darin über die fehlende Kundeninformation in Ramsei. Niemand habe gesagt, dass der Zug nicht kommen würde und sie fände es eine Frechheit, dass das Personal sich danach in das Büro zurückziehe und die Kunden nicht informieren würden.
Wahrscheinlich war dies eine unserer Kundinnen, welche im hinteren Fahrzeug sassen und auf den Zug warteten (an der "Wärme"). Der Zug kam nicht und deshalb fiel er für sie logischerweise aus.
Wenn sie aus dem Fahrzeug ausgestiegen wäre, wäre sie in den "Genuss" meiner persönlichen Information gekommen oder wenn ich eine Durchsage gemacht hätte, hätte sie es auch gehört.
Der Berufsbildner jedenfalls sagte mir nur: "In Zukunft machen wir für unsere Kunden wenn es sein muss auch um 05.52 Uhr eine Durchsage."
Wie man es macht, macht man es verkehrt.
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Lernende
Durchsagen-Junkie :-P gfautmer dä Usdruck!