Ein Sälü wird unfreundlich
Sei es mit den Buschauffeuren der Busland AG, mit den Zugbegleitern und Lokführern, mit den entscheidenden Stellen in der Betriebsleitzentrale Spiez oder den Fahrdienstleitern von Hasle-Rüegsau - eines war in meinem ersten Lehrjahr bei der BLS bei allen gleich.
Obwohl man sich noch nie gesehen oder gehört hatte, man duzte sich. Ausser vielleicht bei der Geschäftsleitung oder Personen, die auch von der Chefin gesiezt wurden: Dort wurde selbstverständlich gesiezt. Mit dem unkomplizierten "Du" verwickelte man sich so immer wieder in interessante Gespräche und konnte schnell Kontakte knüpfen. Und Kontakte bedeuten: Es liegt auch mal etwas drin, was sonst vielleicht etwas schwieriger zu erreichen wäre. Zum Beispiel eine Mitfahrt im Führerstand. Nicht alle die gerade Lust haben dürfen "einfachso" die exklusive Aussicht geniessen. :-)
Als ich vor rund zwei Monaten in das Büro der SBB in Bern wechselte, herrschte für mich persönlich plötzlich ein komplett anderes Klima. Man siezt sich, die Distanz zwischen den einzelnen Menschen ist irgendwie grösser. Für mich war es in den ersten Tagen eine komplette Umstellung. Warum wird im Büro geduzt, während draussen im Betrieb eigentlich das Du gängig ist? Auch meine Berufsbildnerin, welche früher ebenfalls im Betrieb arbeitete, konnte mir auf diese Frage keine Antwort geben. Unterdessen habe ich mich zwar mit dem Sie abgefunden und mich daran gewöhnt. Die wahrscheinlich grösste Herausforderung ist es heute, bei jeder Person sekundenschnell wissen zu müssen, ob man jetzt per Sie oder per Du ist.
Wie sieht es eigentlich an anderen Orten mit dem Du oder dem Sie aus? Diese Frage habe einem Arbeitskollegen und einer Arbeitskollegin gestellt.
«Im SBB Contact Center Brig ist der Umgang mit den Kunden wie auch am Schalter. Intern ist der Umgang ebenfalls ähnlich wie an einem Bahnhof, es gilt meistens das "Du". Da ich nebst dem Contact Center auch noch auf dem Zug als Zugbegleiter (in der Dual-Ausbildung Bahnreisespezialist) unterwegs bin, habe ich mit sehr vielen Menschen zu tun. Oft kennt man die verschiedenen Mitarbeiter/innen nicht, man hat aber dadurch die Gelegenheit, diese Menschen kennen lernen zu dürfen und neue Kontakte zu knüpfen. Wie im RailService intern gilt auch auf dem Zug das duzen, im Kontakt mit Kundinnen und Kunden oder zum Beispiel mit dem Regionenleiter CC gilt das siezen.» — Alain Briggeler, Lernender KVöV 3. Lehrjahr
«Im SBB Stellwerk in Olten ist der Umgang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eigentlich sehr entspannt und interessant. Das "Du" gilt hier auch wie an meinem früheren Einsatzort - dem Bahnhof Utzenstorf (mit den wahrscheinlich längsten Öffnungszeiten eines Bahnhofs in der Schweiz) - bei fast allen. Der einzige Unterschied: Während in Utzenstorf alle ohne sich vorher schon einmal gesehen zu haben schon per Du waren, gilt im Stellwerk: Bis zum "Du" gilt noch das förmliche Sie. Das Du bieten die meisten Zugverkehrsleiter beim ersten gemeinsamen Einsatz an.» — Alina Brudermann, Lernende KVöV 2. Lehrjahr
Wie sieht es an euren Lehrplätzen und in euren Lehrbetrieb aus? Gilt eher das offene "Du" oder das förmlichere "Sie"? Welche Vor- bzw. Nachteile siehst du darin?
Schreibe deine Meinung jetzt in einen Kommentar und trage zur Mitgestaltung dieses Blogs bei!
- 3 Kommentar(e)


Eine Frage des Anstands
Bei dir war vielleicht der Start ins Berufsleben auch etwas anders als bei den meisten anderen Kaufleuten. Man kommt in ein junges Team, geht unkompliziert miteinander um und die Hierarchien sind flach.
Bei meinem Start in die Lehre war es so, dass ich nur mit den Mitlernenden per Du war. Der Rest wurde nach und nach "erarbeitet", bei einer öffentlichen Verwaltung ist das scheinbar normal. Im ersten Lehrjahr hatte ich noch niemanden zu duzen, danach die meisten Leute der Abteilung, die ich nach einem Jahr verlassen habe. Bei den Abteilungsleitern wurde mir das Du sogar erst angeboten, als ich gegen das Ende der Lehrzeit kam.
Generell finde ich es gerade in Betrieben mit verworrenen Dienstwegen und steilen Hierarchien angebracht, dass man sich siezt bis man sich besser kennt oder sich als Mehrwert für die Mitarbeitenden herausgestellt hat.
So kam es, dass ich erst zwei Jahre nach der Lehre mit dem Personalchef aufs Du kam. Stören tut mich das eigentlich nicht - es ist aber wie du schilderst eine Herausforderung, bei allen das richtige bereit zu halten. Besonders, wenn man alle ca. 150 Angestellten nur einmal im Jahr sieht. Da ist dann das "Hallo" die beste Lösung, wenn man nicht sicher ist :-)
Generell falsch finde ich im Berufsleben aber Ungleichheiten. Wer gesiezt werden will, hat auch den / die weniger Ranghohe/n nicht informell anzusprechen.
...
Bis jetzt war an allen Lehrplätze, an denen ich war (login HO Olten, JS Schlieren, RBL SBB Cargo und nun mein Schwerpunktjahr bei SBB NOA im HR Konzern) das Du selbstverständlich.
Allerdings weiss ich genau was du meinst, vor kurzem konnte ich auch einen halben Tag nach Bern (ich nehme an, du arbeitest im SBB Hauptgebäude?) dort gehen ja auch allerlei eher wichtige Leute umher.
Ich finde die Atmosphäre an einem Arbeitsplatz an dem geduzt wird viel angenehmer, weil alles auf einer persönlicheren Stufe ist. Ich gehe zum Beispiel viel lieber mit meinen Kollegen Mittag Essen (oder auch mal nach Feierabend etwas trinken) weil ich mich so viel lockerer unterhalten kann.
Am schlimmsten ist es wohl tatsächlich, wenn man nicht weiss wie man eine Person jetzt ansprechen sollte =)
Nicht immer ganz einfach
Während meiner Lehre hatte ich auch mit solchen "Problemen" zu kämpfen. Im Bhf Bad Ragaz war es noch klar: Kleines Team, man duzt sich. Im Rangierbahnhof Buchs dann schon schwieriger: Sehr viele Mitarbeiter (Rangier, Büro, Fahrdienst, Schalter); da war es nicht immer ganz klar, wen man nun zu siezen hat und wen man duzen darf. In der Regionenleitung St. Gallen war es dann wieder klarer: Der Regionenleiter, der Leiter vom Verkauf und "hoher Besuch" wird gesiezt, mit den anderen ist man nach dem ersten Treffen per Du.
Und jetzt beim Zugpersonal? Bis und mit den CFP (Chef Fernverkehrspersonal) ist das Du üblich. Nachher wird es schon wieder schwieriger.
Am einfachsten wäre es natürlich, man würde es wie die Swisscom machen... :)