Vom login-Lernenden zum öV-Blogger
Andreas Hobi absolvierte von 2001 bis 2004 seine Lehre als Kaufmann öffentlicher Verkehr bei der SBB und später bei login. Seit 2004 ist er als Zugbegleiter mit der SBB in der ganzen Schweiz unterwegs und berichtet auf seinem Blog über seinen Berufsalltag, seinen Arbeitgeber und den öffentlichen Verkehr im allgemeinen. > www.schweizweit.net
Interview mit Stephanie Kriesel, Leiterin Unternehmenskommunikation
Andreas Hobi, du gehörtest zu den login-Lernenden der ersten Generation. Wie kam es dazu?
Ich bin in Sargans aufgewachsen und habe im Jahr 2000 nach einem KV-Ausbildungsplatz gesucht. Nach der Schnupperlehre am Schalter in Sargans war klar: ich will zur SBB. Kundenkontakt, mit der Bahn unterwegs sein – das hat mir gefallen. Direkt vor Lehrbeginn wurde uns dann mitgeteilt, dass die Ausbildung an login ausgelagert werden würde. Ich fand das von Anfang an eine gute Sache, weil man seine Lehre plötzlich in mehr als nur einer Firma absolvieren konnte.
Hast du davon profitieren können?
Nein, zu meiner Zeit war der Ausbildungsverbund noch zu klein, es war eher die Ausnahme, dass man ausserhalb der SBB zum Einsatz kam. Heute ist es ja gang und gäbe. Aber auch ich hatte Abwechslung genug: Ich war am Schalter in Bad Ragaz, wo wir damals auch fürs Reisegepäck und den Fahrdienst zuständig waren. Dann in im Sekretariat des Rangierbahnhofs Buchs und in St. Gallen in den Zentralen Diensten der Regionenleitung, wo ich von Marketing über Finanzen bis zum Personal in alles hineinschnuppern durfte. Im letzten Jahr war ich in Landquart am Schalter und erstmals auf dem Zug.
Was ist für die heutigen Lernenden anders?
Mir fällt auf, dass sie sich viel mehr mit login identifizieren. Ich habe damals als Arbeitgeber immer die SBB angegeben, heute steht im Facebook bei den Lernenden an der Stelle „login“. Die Lernenden profitieren halt von den Angeboten des Ausbildungsverbunds, zum einen durch die mittlerweile über 50 Mitgliedsfirmen, zum anderen durch den Austausch unter den Berufsgruppen, den login fördert. Ich erinnere mich noch heute gern an unsere Outdoortage!
Welche Erinnerungen hast du sonst noch an deine Lehre?
Das peinlichste war sicher, wie ich das Fluggepäck eines Reisenden, der nach Durban fliegen wollte, mit dem Label „DUB“ versah – um ein Haar wäre er in Südafrika gewesen und sein Gepäck in Dublin / Irland. Glücklicherweise hat mein Berufsbildner dies noch rechtzeitig gemerkt! Das ist eigentlich auch die schönste Erinnerung an meine Ausbildung: die Hilfsbereitschaft und die Kollegialität der Mitarbeitenden um mich herum. Was ich nicht mehr haben muss, ist der Lernstress am Ende: die Betriebskunde, die kaufmännische Prüfung und die Berufsmatur zusammen mit dem Berufsalltag waren ziemlich intensiv…
Anschliessend bist du als Kondukteur zur SBB.
Ja, während meines Schwerpunktjahres hats mich gepackt: mir gefiel es, immer mit Menschen in Kontakt zu sein, an der Front zu sein, unterwegs zu sein. Man erlebt die unglaublichsten Sachen, kein Tag ist wie der andere. Am Anfang war ich noch fest eingeteilt, jetzt bin ich Springer, was es noch spannender macht, weil ich auch Touren fahren kann, die sonst für uns in Chur nicht drinliegen – wie zum Beispiel nach Brig oder Erstfeld.
Und wie wurdest du Blogger?
Durch meine unregelmässigen Arbeitszeiten habe ich mir meine Informationen immer mehr im Internet gesammelt – ich war ja selten zur Tagesschau daheim. Dort tauchten immer mehr von diesen Internettagebüchern auf. Angeblich seien die einfach zu führen! Die Neugier bei mir war geweckt, und ich probierte es einfach so für mich einmal auf. Da erschienen plötzlich die ersten Kommentare auf meinem Blog, es begann ein Dialog mit den Leserinnen und Lesern. Und ich merkte, dass das Thema öV und SBB interessiert. Und so machte ich einfach weiter. Mittlerweile hat mein Blog um die 15‘000 Besucher pro Monat und etwa 600 Abonnenten.
Wer liest deinen Blog?
Die regelmässigen Leser sind sicherlich Leute, die viel mit der Bahn zu tun haben: Pendler, Freizeitnutzer der Bahn, sicherlich auch einige Hardcore-Bahnfans. Die meisten Hits bekomme ich allerdings über Google, wo Internetuser sich über ein spezielles Thema informieren wollten und auf meinem Blog landen, weil ich darüber geschrieben habe. Beispielsweise hat mir ein Kollege erzählt, dass er einstmals ein Stelleninserat als Zugbegleiter gesehen hat. Er suchte nach mehr Informationen zu diesem Job, fand meinen Blog – und den von mir geschilderten Berufsalltag er so spannend, dass er sich tatsächlich bewarb. Heute fahren wir Touren zusammen!
Ist es eine Belastung, neben einem intensiven Berufsalltag einen Blog zu führen?
Nein, es ist niemals ein „Müssen“, da liefe etwas falsch, wenn es so wäre. Ich blogge meistens tagsüber, wenn meine Freundin arbeitet und meine Tour erst später anfängt – oder mit meinem Laptop während einer Bahnfahrt als Passagier. Hingegen helfen mir die zahlreichen Rückmeldungen und Kommentare in meinem beruflichen Alltag sehr. Ich verstehe so besser, wie die Fahrgäste denken. Das gibt mir auch Rückendeckung, wenn ich mal wieder jemanden beim Rauchen auf dem WC erwische und der Herr oder die Dame mir austeilt. Aus meinem Blog weiss ich, dass die Mehrheit der Fahrgäste das Rauchverbot in Zügen begrüsst.
Als Blogger beeinflussen dich Betriebsgeheimnis und Betriebsloyalität genauso wie die Suche nach guten Geschichten. Wie schaffst du den Balanceakt?
Natürlich könnte ich täglich die reisserischsten Stories schreiben, wäre dann aber ziemlich schnell meinen Job los. Ich versuche, nichts zu schreiben, was der SBB, einzelnen Mitarbeitenden oder Fahrgästen schadet. Natürlich halte ich mich an Gesetze und an das Betriebsgeheimnis. Es ist immer ein schmaler Grat, ich bin da mein eigener Zensor. Insbesondere bei den Kommentaren habe ich allerdings wenig Handhabe, denn ich möchte auf schweizweit.net einen echten Dialog ermöglichen. Wenn da die SBB kommt und mich darum bittet, den einen oder anderen kritischen Kommentar zu löschen, dann sperre ich mich dagegen. Wenn ich da zensuriere, verliert die Plattform an Glaubwürdigkeit.
Arbeitest du mit der offiziellen SBB-Kommunikation zusammen?
Nein. Ich werde vom Mediendienst wie ein Journalist behandelt und erhalte einfach alle Medienmitteilungen. Sie verbieten mein Tun nicht, aber sie unterstützen mich auch nicht speziell. Sie behalten mich einfach im Auge.
Wie reagiert dein Umfeld auf deinen Blog?
Die meisten meiner Kollegen sind mehrheitlich begeistert vom Blog und lesen ihn regelmässig. Natürlich gibt es aber auch Kritiker, aber die sind in der Minderheit.
Spürst du eine öffentliche Wirkung deines Blogs?
Es kommt immer wieder vor, dass ich im Zug erkannt werde. Die Leute grüssen mich dann mit „Hoi, Andreas“. Ich grüsse dann etwas förmlich mit „Grüezi“ zurück, aber dann nennen sie mir ihren Nickname und dann weiss ich, wen ich vor mir habe.
Ich habe ausserdem per Zufall rausgefunden, dass mein Blog auch als Unterrichtsmaterial dient. In der Zweitausbildung zum Zugbegleiter wurden von mir geschilderte Situationen mit Kunden als Fallstudie verwendet. Das freut mich natürlich, dass mein Blog, den ich irgendwann mal als private Spielerei begonnen habe, inzwischen solch weite Kreise zieht.
